Herr Inagaki schneidet Fisch, seine Frau bereitet Eintopf vor.

Willkommen in der Zukunft

Willkommen in der Zukunft

In keinem anderen Land werden die Menschen so alt wie in Japan – und in keinem ist die Geburtenrate so niedrig. Die Einwohnerzahl schrumpft, immer weniger Junge unterhalten immer mehr Senioren. Deshalb lässt sich dort heute schon sehen, was auf die Welt zukommt.

Der Stammgast schiebt die Schiebetür beiseite und tritt mit einer kleinen Verbeugung in das Restaurant. Die Tür klappert etwas, am Rande ist das Holz schon dunkel angelaufen, doch alles hier blitzt tadellos sauber. „Willkommen, willkommen“, ruft Harumi Inagaki von drinnen. Sie zeigt auf einen Platz am Tresen, bringt ein heißes, feuchtes Tuch zur Erfrischung und reicht unaufgefordert kleine Leckereien: gekochte Bohnen und gesottene Pilze. Sie weiß genau, was Herrn Kimura schmeckt, denn der Gast kommt seit 43 Jahren regelmäßig in ihr Lokal in der Stadt Chiba bei Tokio. Die Wirtin selbst ist 75 Jahre alt.

Ihr Mann, ebenfalls über 70, wuchtet derweil hinter dem Tresen einen gusseisernen Kessel mit Öl auf den Gasherd, um Gemüse nach Tempura-Art zu frittieren. Daneben brutzelt er Aal, Makrelen und Hühnerspieße auf dem Grill. Während beides schon kocht, schneidet er schnell noch rohen Thunfisch für Sashimi auf, alles gleichzeitig, ohne den Überblick zu verlieren. Vor vier Jahrzehnten hat der heutige Stammgast Kimura als Student in Inagakis Lokal gejobbt. Nach dem Abschluss ist er dem Laden treu geblieben und kommt immer wieder auf einen Plausch vorbei – oder er richtet Familienfeiern hier aus. Inzwischen sind die drei zusammen alt geworden: die Wirtin, das Restaurant und der Gast.

Der Arbeitstag der Inagakis dauert von morgens bis kurz vor Mitternacht, doch sie fühlen sich dem gewachsen.

»Wahrscheinlich gehe ich von meiner Theke hier ohne Umweg ins Pflegeheim.«

Harumi Inagaki

Mit 75 betreibt sie gemeinsam mit ihrem Mann noch ein Restaurant - in Japan wird Altersarbeit zunehmend zur Norm.

Wenn es nach Harumi Inagaki geht, kann das noch eine ganze Weile so weitergehen. „Ich will das Restaurant betreiben, bis es körperlich absolut nicht mehr geht.“ Ein Leben als untätige Rentnerin könne sie sich nicht vorstellen. „Wahrscheinlich gehe ich von meiner Theke hier ohne Umweg ins Pflegeheim.“ Ihr Arbeitstag dauert von morgens bis kurz vor Mitternacht, aber: „Dem bin ich doch noch locker gewachsen!“

Sie führen ein Izakaya, Kneipen-Restaurant im japanischen Stil.

So wie Inagaki arbeiten mehr und mehr Japaner weit jenseits des traditionellen Rentenalters von 60 Jahren. Eine Folge der Überalterung der Gesellschaft, die dort noch schneller voranschreitet als etwa in Europa. Der Trend zur Arbeit im Alter ist im Alltag längst sichtbar. Grauhaarige, gebückte Senioren packen im Supermarkt die Einkäufe in Tüten. Den betagten Taxifahrern mag in Tokio kaum einer noch zumuten, schweres Gepäck in den Kofferraum zu wuchten. Knapp die Hälfte der Firmen gibt in Umfragen an, den Mitarbeitern kein Alterslimit mehr zu setzen – Tendenz steigend. Im Management ist der Trend ebenfalls angekommen. Der Chefredakteur der Yomiuri-Zeitung, immerhin der auflagenstärksten Publikation der Welt, ist im Mai 91 Jahre alt geworden. Der Shinsei-Bank steht ein 88-jähriger CEO vor, der Präsident des Instituts wirkt im Vergleich dazu mit 69 Jahren richtig jugendlich.

Das Dokument wurde schon 1978 ausgestellt: „Lizenz für hochgiftige Küche. Herr Inagaki darf seinen Gästen Kugelfisch anbieten.“

Während die Akademiker und Manager mit Freude weiterarbeiten, ist ein Zusatzjob für andere Senioren bittere Notwendigkeit – wenn die Rente vorn und hinten nicht reicht. Viele ältere Herrschaften stehen dann völlig übermüdet am Ausgang von Tiefgaragen und regeln den Verkehr mit einem Leuchtstab.

»Ich betreibe das Restaurant, solange es körperlich geht.«

Harumi Inagaki

Die Stammgäste wurden gemeinsam mit ihr alt.

Senioren machen in Japan bereits 16 Prozent der Gefängnisinsassen aus.

Altenfreundliche Gefängnisse

Selbst im ordentlichen Japan klauen zudem immer mehr Alte im Supermarkt, weil ihnen das Geld fehlt. Senioren machen in Japan bereits 16 Prozent der Gefängnisinsassen aus, mehr als in jedem anderen Land. Nahe der südjapanischen Stadt Hiroshima läuft im Onomichi-Gefängnis ein Pilotprojekt: Ein ganzes Stockwerk ist zum Pflegetrakt für betagte Gefangene umgewidmet.

In den Lagerräumen des Onomichi-Gefängnisses stapeln sich Windeln für Erwachsene, berichtet die Zeitung Japan Times. Die Pfleger geben den betagten Insassen im Speisesaal einen liebevollen Klaps auf den Rücken, wenn sie ein Stück Essen verschlucken. Die Senioren leben hier getrennt von den jüngeren Verbrechern, weil die Anstaltsleitung ihnen den Umgang mit den harten Jungs nicht zumuten kann. Die Regierung gibt in diesen Jahren rund 100 Millionen € für die altenfreundliche Aufrüstung von Gefängnissen aus. Alte Gefangene kosten den Staat rund das Doppelte von jungen Gefangenen.
40

Prozent – um so viel schrumpft

die Zahl der Japaner im arbeitsfähigen Alter bis zur Mitte des Jahrhunderts.

Einige der alten Insassen finden es im Gefängnis gar nicht so schlecht. Der Unterschied zu einem öffentlichen Altenheim sei minimal, heißt es in der Zeitung Japan Times. „Die Wirtschaft läuft nicht sonderlich gut, wie soll ich da einen Job finden, um mich durchzuschlagen?“, wird ein 70-Jähriger Insasse zitiert. Er habe jetzt schon Angst vor dem Tag in dreieinhalb Jahren, an dem er entlassen werde.

Kriminalität ist der letzte Ausweg für eine kleine Minderheit. Neuer Trend ist aber: Neben der Ober- und der Unterschicht zieht sich auch die Mittelschicht nicht mehr aus dem Berufsleben zurück. Der eine will seine ohnehin schon ordentliche Rente aufbessern, die andere möchte etwas zum Studium der Enkelin beitragen. Viele wollen jedoch einfach nützlich bleiben und im Leben stehen. Japan hat die höchste Lebenserwartung der Welt. Die Frauen dort werden bald im Schnitt 90 Jahre alt; Senioren bleiben deutlich länger gesund als in Europa oder den USA. Sie wollen dazugehören, nicht ausgemustert werden. Inagaki und ihr Mann machen tolle Reisen – nach England, nach Ägypten – wenn sie nicht gerade in ihrem Restaurant arbeiten. Ein gutes Fünftel der über 65-Jährigen hat heute einen Job, der Anteil steigt jährlich an. Drei Viertel der derzeit arbeitenden Bevölkerung erwarten, auch nach Erreichen des Rentenalters weiterzumachen. Das leuchtet ein: Wenn am Anfang des Lebens 25 Jahre Kindheit und Ausbildung stehen und die Leute bald 100 Jahre alt werden, dann haben sie davon nur 35 Jahre gearbeitet – und sollen den Rest der Zeit auf Kosten anderer leben?
380

Tausend Pflegekräfte

fehlen bis zum Jahr 2025. Da keine Einwanderer ins Land geholt werden sollen, versucht Japan, Menschen durch Roboter zu ersetzen.

Der Regierung ist die Bereitschaft zur Seniorenarbeit hochwillkommen. Die Zahl der Japaner im arbeitsfähigen Alter wird bis Mitte des Jahrhunderts um 40 Prozent schrumpfen. Bis 2025 fehlen allein 380.000 Pflegekräfte. Bisher gab es in Japans Servicesektor für jeden Kunden eine freundliche Begrüßung, umfassende Beratung und liebevolle Betreuung. Doch der Service geht zurück, weil es an Arbeitskräften mangelt. Eine Lösung wäre Zuwanderung aus ärmeren asiatischen Ländern. Doch die ist für die japanische Politik tabu, weil nicht gewählt wird, wer dafür eintritt. Tatsächlich lässt die Regierung einige Einwanderer durch die Hintertür hinein, zum Beispiel über Praktikantenprogramme. Doch man darf es als Politiker nicht aussprechen, vor allem nicht als Konservativer wie Premier Shinzo Abe. „Nun müssen alle anpacken!“, appelliert Abe deshalb an seine Landsleute.

Abe hat außer den Senioren noch eine weitere Quelle von Arbeitskraft ausgemacht: Roboter. Er hat bereits die Gesetzbücher durchforsten lassen, um einschränkende Regulierungen für den Technikeinsatz abzuschaffen. Ärzte haben es jetzt beispielsweise leichter, OP-Roboter am Patienten zu testen; die Haftung von Firmen für Fehler ihrer Roboter wird weniger streng gehandhabt. Die Regierung fährt zudem die Förderung für Roboterforschung in Firmen und an Unis hoch.

Stuhlkreis im Altenheim: Der Roboter übernimmt die Aufgabe des Pflegers, animiert die Senioren zu Gymnastik.

Roboter an der Hotelrezeption

Im japanischen Alltag ist der Trend zum mechanischen Helfer schon deutlich sichtbar. Geschäfte im Tokioter Shopping-Stadtteil Ginza stellen den Informationsroboter „Pepper“ auf, der Sprache versteht, einen Monitor auf der Brust trägt und beim Sprechen gestikuliert. Restaurants erlauben die Bestellung am Bildschirm und lassen das Essen vom Roboter an den Tisch fahren. Im „Seltsamen Hotel“, nicht weit von Inagakis Lokal in der Provinz Chiba, sieht der Gast schon gar kein Personal mehr. Von der Abmeldung bis zum Check-out hat er nur mit Robotern zu tun.

»Jetzt singen wir gemeinsam ein Lied. Auf drei geht es los. Eins, zwei ...«

Roboter Pepper

spricht mit den Bewohnern des Altenheims Silver Wing, amüsiert sie mit Spielen.

Wer die neue Stufe der Zusammenarbeit von Maschinen und Menschen sehen will, muss von der Ginza noch einige Hundert Meter weiter nach Osten in den Stadtteil Shintomi gehen. Hier steht das Altenheim Silver Wing. Es nimmt an einem Pilotprojekt der Stadt Tokio teil: Behebung des Pflegenotstands durch Technikeinsatz.

Im Aufenthaltsraum im achten Stock spielt Junko Fukumura mit „Paro“, einer elektrischen Robbe mit weichem Fell und langen Wimpern. Fukumura ist nur drei Jahre älter als die rüstige Kneipenwirtin Inagaki, doch es geht ihr körperlich und geistig bei Weitem nicht so gut – sie ist oft unruhig, manchmal verwirrt. „Paro ist so niedlich, das hilft mir, einige Stunden ganz fröhlich zu verbringen“, sagt Fukumura. Unter ihren Händen streckt sich die Robbe, dreht ihren Kopf zu der Seniorin hin, macht Babygeräusche und klimpert mit den Wimpern. Fukumura lächelt zurück. Am Nebentisch spielen zwei andere Bewohner des Heims mit „Aibo“, einem Roboterhündchen von Sony.

Die Begeisterung der Altenheimbewohner für die Maschinen ist real. „Sie verbringen viel Zeit mit den Robotern, und die Beschäftigung aktiviert sie“, sagt Koya Ishikawa, der Gründer der Einrichtung. Der rührige Jurist und Unternehmer hat Anfang des Jahrtausends erkannt: Altenbetreuung wird einmal der Wachstumsmarkt schlechthin sein. Seitdem hat er eine Reihe von Einrichtungen rund um Pflege und Rehabilitation aufgebaut. Nun will der Macher bei der Technisierung der Branche ganz vorn dabei sein. Schon jetzt registrieren Sensoren in den Betten nachts die Bewegungen der Schlafenden. Droht jemand aus dem Bett zu fallen, warnt der Computer das Personal. Die Pfleger können im Computer sehen, wie viel Tiefschlaf jeder der alten Menschen bekommen hat. „Ein Blick auf den Monitor erklärt, warum jemand tagsüber extrem müde ist und oft einschläft“, erklärt Ishikawa. Am Abend helfe dann oft das Spiel mit Paro, ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Das Altenheim Silver Wing setzt noch zahlreiche weitere Roboter ein. Das Personal zieht Exoskelette an, um Hüftschäden durch schweres Heben zu vermeiden – die häufigste Berufskrankheit der Branche. Im Gemeinschaftsraum im achten Stock singt der allgegenwärtige Pepper den Senioren etwas vor und fordert sie auf, die Arme im Takt zu recken und zu strecken – wer im Stuhlkreis nicht gerade eingenickt ist, macht fröhlich mit. Ein Stockwerk tiefer übt ein Roboter das richtige Gehen mit einer Schlaganfallpatientin. Der Flachbildschirm, den der Roboter als Kopf trägt, zeigt ihr, wie sie die Füße setzen soll: ein mechanisierter Krankengymnast.
90

Jahre alt

werden japanische Frauen bald im Schnitt. Japanische Senioren bleiben noch länger gesund als die in Europa oder in den USA.

So sieht die Vision der Bürokraten, der Techniker und der Wirtschaft aus. Der Kneipenwirtin Inagaki graust es, wenn sie so etwas hört. „Ich weiß auch ohne Computer, ob ich gut geschlafen habe“, sagt sie, während sie einen Tisch desinfiziert. Die letzten Gäste sind bereits gegangen. Ihr Mann spült unterdessen die Arbeitsflächen in der Küchenecke mit viel Wasser. „Es wäre schon praktisch, wenn jetzt hier beim Aufräumen ein Roboter mithelfen würde.“ Aber eine Maschine im Altenheim an ihren Körper heranlassen? Dafür fehle ihr das Vertrauen. „Ehe mich gar niemand auf die Toilette bringt, nehme ich einen Roboter“, sagt sie. „Aber ideal ist das nicht.“

Inagaki selbst hat zehn Jahre lang ihre greise Mutter gepflegt. Zu dieser Zeit musste sie eine zusätzliche Hilfskraft für das Restaurant anstellen. „Es war schwer, doch es war Ehrensache, mich um meine Mutter zu kümmern.“

»Die Geräte müssen absolut ungefährlich sein.«

Toshiharu Mukai

Roboterexperte an der Meijo-Universität im zentraljapanischen Nagoya

Auch Kinder bedienen in Japan täglich Maschinen.

Niedliche Maschinenmenschen aus Comics

Inagaki selbst wird wohl ebenfalls noch auf die Hilfe ihrer Familie und auf menschliche Pflegekräfte angewiesen sein. Denn trotz der futuristischen Ansätze im Altenheim Silver Wing steckt die Technik in der Anfangsphase. „Es dauert noch mindestens ein Jahrzehnt, bis wir Marktreife erreichen, wenn nicht sogar viel länger“, sagt Toshiharu Mukai, Roboterexperte an der Meijo- Universität im zentraljapanischen Nagoya.

Mukai gehört zu den Vordenkern der intelligenten Pflegehilfen. Er hat eine Reihe von Prinzipien aufgestellt, denen ein elektrischer Krankenpfleger folgen muss. Ein freundliches Äußeres gehört dazu, damit technikferne Nutzer das Gerät annehmen. Viel wichtiger aber: „Die Geräte müssen absolut ungefährlich sein.“

Der Prototyp dafür ist „Robear“, ein 1,50 Meter hoher Roboter mit dem Gesicht eines Comicbären, der bei Mukai im Labor steht und sich gleich zur Begrüßung höflich vor Gästen verbeugt. Der Roboterbär kann Patienten vorsichtig aus dem Bett heben oder ihnen beim Aufstehen helfen. Mukai arbeitet dafür vor allem an Sensoren und Motoren: Der Griff des Bären soll sanft und weich sein, damit er die Senioren nicht verletzen kann. Mukai ist überzeugt, dass es künftig keine Alternative zu Produkten wie Robear gibt: „Wer sonst soll unsere vielen Alten pflegen?“
60

ist das traditionelle Rentenalter

in Japan. Doch jetzt arbeitet ein gutes Fünftel der über 65-Jährigen weiter.

Die Akzeptanz für Roboter in der Pflege ist in Japan generell hoch – selbst Inagaki schränkt ihre Skepsis ein mit dem oft gehörten Satz: „Am Ende werden sich die Leute daran gewöhnen, und dann ist es vermutlich ganz normal.“ Die Mehrheit der Japaner begrüßt neue Techniken mit Begeisterung, und niedliche Maschinenmenschen aus Comics machen die Leute schon seit Jahrzehnten mit dem Gedanken eines Zusammenlebens mit Androiden vertraut. Restaurantbesitzerin Inagaki hingegen würde mehr Einwanderung als Antwort auf die Überalterung bevorzugen. Als Gastronomin findet sie, dass eine Bestellung per Bildschirm im Restaurant billig wirkt. Zugewanderte Arbeitskräfte, beispielsweise aus den Philippinen, hat Inagaki dagegen als freundlich, fleißig und hilfsbereit erlebt.

„Wir sollten viel mehr solcher Leute hineinlassen; das wäre klüger, als sich allein auf Technik zu verlassen“, sagt die ältere Dame. Zwar verändere sich dadurch vermutlich die japanische Kultur mit ihren zahllosen kleinen Regeln, den korrekten Verbeugungen und häufigen Entschuldigungen. „Aber irgendwo müssen wir Kompromisse machen, wenn wir nur noch so wenige Kinder bekommen.“

Finn Mayer-Kuckuk

lebt seit elf Jahren in Fernost. Er ist Autor des Buchs „Tokio Total“ und schreibt für eine Reihe namhafter Medien, darunter Handelsblatt, Frankfurter Rundschau und Stuttgarter Zeitung.