DIE ZEITEN ÄNDERN SICH

Ob Musiker, Modemacher oder Model, ob König der Finanzwelt oder Königin über ein Inselreich: Diese fünf Menschen jenseits der 70 haben viel erlebt und viel gelernt. Jetzt lehren sie uns, wie man alt wird, ohne seine Neugier und die Lust am Leben zu verlieren.

»Ich bin kein nostalgischer Mensch. Ich lebe gern in der Gegenwart.«

DIE ZEITEN ÄNDERN SICH

Ob Musiker, Modemacher oder Model, ob König der Finanzwelt oder Königin über ein Inselreich: Diese fünf Menschen jenseits der 70 haben viel erlebt und viel gelernt. Jetzt lehren sie uns, wie man alt wird, ohne seine Neugier und die Lust am Leben zu verlieren.

Der Eigenwillige

Er hat früh seinen Weg gefunden – und ist ihn kompromisslos gegangen. Auch deshalb bekam Bob Dylan als erster Musiker den Nobelpreis für Literatur.

 

„The Times They Are A-Changin‘“ heißt einer von Bob Dylans bekanntesten Hits. Geschrieben hat er ihn bereits 1963, als Anfang Zwanzigjähriger. Die Zeiten mögen sich ändern – Bob Dylan aber tut, was er will, auch mit 76 Jahren. Als Folkmusiker, der Protestsongs zur akustischen Gitarre sang, fing er an, später griff er zur E-Gitarre, verprellte viele seiner Fans. Doch er gewann immer neue hinzu: Weil er wortgewaltig wie Shakespeare oder Homer von der conditio humana erzählt und Dutzende Songs geschrieben hat, die ihren ganz eigenen Kanon bilden. Um so erstaunlicher, dass er sich zuletzt einem anderen Kanon angenähert hat: dem Great American Songbook, diesen Klassikern, die unter anderem Frank Sinatra unsterblich machte. Eine eigenwillige Idee, auch weil Dylans krächzige Stimme so gar nicht zu diesen geschmeidigen Songs passen will. Aber für solche Ideen wird er geliebt. So sind die Arenen nie leer, auch wenn er seit 1988 ununterbrochen auf Tour ist, rund 100 Konzerte im Jahr spielt. Als ihn die „Never Ending Tour“ im März 2017 nach Stockholm führte, nahm Dylan ganz nebenbei den Nobelpreis entgegen, der ihm Monate zuvor zuerkannt wurde. Stockholm lag vorher nicht auf seinem Weg.

»Die Natur bestimmt dein Alter, aber du selbst bestimmst deine Geisteshaltung.«

Das Model

Seit einer Modenschau, bei der er seinen gestählten Oberkörper zeigte, gilt der 80-jährige Wang Deshun als „Chinas heißester Opa“.

 

Ist es jemals zu spät, um sich neu zu erfinden, um seine Täume zu verwirklichen? Nein, sagt Wang Deshun, der Mann, der 2015 mit 79 Jahren sein Debüt als Laufsteg- Model gab und damit ein weltweites Medienecho auslöste. Das hatte viel mit seinem Alter zu tun, aber auch mit seiner offensichtlichen Fitness: Wang präsentierte bei der Modenschau des Designers Hu Sheguang seinen durchtrainierten Oberkörper, Resultat von drei Stunden Training jeden Tag. Mit 50 begann der frühere Fabrikarbeiter und Schauspieler, regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen, mit 70 fing er an, ernsthaft mit Gewichten zu trainieren. Einer seiner Spitznamen in China lautet „laoxianrou“, „Altes Frischfleisch“. Vor Kurzem sagte Wang: Eine Art zu erkennen, ob man schon zum alten Eisen gehöre, sei es, sich zu fragen, ob man sich immer noch zutraue, Dinge auszuprobieren, die man nie zuvor gemacht hätte. Das aktuelle Projekt des 80-Jährigen: sein erster Fallschirmsprung. Die Zeit dafür könnte knapp werden: Wang ist inzwischen ein heiß umworbenes Model, war zuletzt Testimonial für Marken wie Reebock und Ermenegildo Zegna.

»Nehmen wir uns selbst nicht zu ernst. Niemand hat ein Monopol auf das Wissen.«

Die Ewige

Seit mehr als 60 Jahren repräsentiert Elizabeth II. das United Kingdom. Beliebter als heute war sie nie zuvor.

 

Als Queen Elizabeth II. im April 2016 ihren 90. Geburtstag feierte, gab es wohl kaum jemanden im Vereinigten Königreich, der ihr nicht alles Gute gönnte. Selbst Alt-Punk John Lydon meinte jüngst, er würde sie vermissen, wenn sie nicht mehr wäre. Dabei hatte er seine Karriere vor 40 Jahren mit dem Schmählied „God save the Queen“ seiner Sex Pistols gestartet. Leicht hatte es die Königin eines stetig bröckelnden Empires nicht in ihrer Regentschaft: Mit 27 Jahren bestieg sie 1952 den Thron, musste sich im Verlauf der Jahre immer mehr Kritik und Spott stellen. In den Neunzigerjahren etwa, als ihre Schwiegertochter Diana als Königin der Herzen die Welt verzauberte – Elizabeths kühle Reaktion auf den Tod Dianas 1997 haben ihr ihre Untertanen lange nicht verziehen. Doch irgendwann wandelte sich die Queen. Unnahbar blieb sie weiterhin, aber sie wirkte insgesamt freundlicher, weniger angestrengt. Und jünger: Auf den Bildern zum 60. Thronjubiläum 2012 wirkte sie frischer als noch in den Neunzigern. Im selben Jahr bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in London nahm Elizabeth sogar an einem 007-Sketch teil. Wahre Größe, das hat die Queen gelernt, kommt von Großmut.

»Du kannst dein Leben nicht planen. Aber du solltest versuchen, es zu verstehen.«

Der Exzentriker

Er kleidet Politiker und Popstars ein – der Brite Paul Smith zählt auch mit 71 Jahren noch zu den Kreativsten seiner Branche.

 

Mode unterliegt einem permanenten Wandel, guter Stil hingegen ist zeitlos. Kaum jemand weiß das besser als der britische Designer Paul Smith. Seit bald einem halben Jahrhundert ist er im Stil-Geschäft, angefangen hat er mit einem kleinen Laden in Nottingham, inzwischen ist er Herr über ein Imperium mit Dutzenden Filialen von London über Kuwait bis nach Tokio, Jahresumsatz über 200 Millionen Pfund. Vor allem in Japan liebt man den britischen Exzentriker für seinen Stil, den er als „Classics with a Twist“ bezeichnet. Neben seinem Humor gehört auch das bunte Streifenmuster zu seinen Markenzeichen: Es prangt auf allem, von der Boxershort bis zum Mini Cooper. Schräg und ein bisschen schrill, diese Mischung kam immer schon gut an: Früher gehörten Pink Floyd und Led Zeppelin zu seinen Stammkunden, heute lieben auch britische Politiker die Anzüge des Designers.

»Die Zukunft mag von vielen Faktoren abhängen, aber eigentlich liegt sie in den Herzen und Köpfen der Menschen.«

Superman

Mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 30 Milliarden Dollar gehört Li Ka-shing zu den reichsten Mänschen der Welt.

 

Je oller, je Dollar: Laut „Forbes“ beträgt das Vermögen von Li Ka-shing mehr als 30 Millliarden Dollar, und der 88-Jährige, Spitzname Superman, hat noch lange nicht genug. Nein, antwortet der Chinese knapp, wenn ein Interviewer fragt, ob er sich bald zur Ruhe setzen wird. Was Li antreibt, ist die Armut, in der er aufwuchs. Den bitteren Geschmack von Hilflosigkeit und Isolation sei er nie losgeworden, sagte er einmal. Als Jugendlicher kam Li nach Hongkong, gründete sein erstes Unternehmen als 19-Jähriger, verdiente ein Vermögen mit Plastikblumen. Heute ist er an an Unternehmen in aller Welt beteiligt, aus allen Bereichen. Er glaubte schon früh an Facebook, investierte 2007 60 Millionen Dollar in das damalige Start-up, ihm gehören Anteile an Häfen von Rotterdam bis Panama, auch von der deutschen Drogeriekette Rossmann besitzt er 40 Prozent. Bei allem Erfolg: Li tritt eher bescheiden auf, ist berühmt dafür, billige Uhren zu tragen. Es gibt schließlich Wichtigeres: Zum Beispiel der reichste Mann Asiens zu bleiben.

»Mit dem Alter wächst die Gefahr, arrogant zu werden. Daher kontrolliere ich mich strikt und frage mich, ob ich demütig genug bin.«

Der Priester

Führe lieber ungewöhnlich: Kazuo Inamori folgt bei seinen Businessstrategien den Idealen des Zen-Buddhismus.

 

Der 85-jährige Multimilliardär Kazuo Inamori ist ein Mann mit Prinzipien, sie definieren den Führungsstil des japanischen Managers. Dazu gehören – erwartbar – Zielbewusstsein, Leidenschaft und Einsatz, aber auch Fairness und Heiterkeit. Denn Inamori ist nicht nur der Gründer des weltweit erfolgreichen Unternehmens Kyocera und des Telekommunikationsriesen KDDI, sondern darüber hinaus geweihter Zen-Priester. In höhere Sphären begab sich Inamori auch im Jahr 2000, als er die Aufgabe übernahm, die insolvente Fluglinie Japan Airlines vor dem Totalabsturz zu retten. Damals war er 77 – und brachte das Unternehmen wieder auf Flughöhe. Auch dieser Erfolg war einem seiner Prinzipien zu verdanken: „Wenn Sie Eier wollen, kümmern Sie sich um die Henne.“ Heißt: Für den Erfolg eines Unternehmens ist das Wohlbefinden der Mitarbeiter entscheidend.

Getty Images

»Ich muss bei jedem neuen Projekt wieder mühsam lernen, der Intuition meines inneren Kindes zu vertrauen.«

Der Visionär

Die Gebäude von Stararchitekt Frank Gehry sind skulpturale Hingucker.

 

Welcher Mensch kann von sich behaupten, quasi im Alleingang eine Großstadt berühmt gemacht zu haben? Frank Gehry, 88, könnte das: Seitdem 1997 in Bilbao das von ihm entworfene Guggenheim Museum eröffnet hat, entwickelt sich die Stadt zu einem Touristenmagneten. Damals war Gehry 68 Jahre alt, und 20 Jahre später ist er immer noch dabei, Städte überall auf der Welt mit seinen verwegen gefalteten, die Gesetze der Geometrie kühn ignorierenden Bauten ein bisschen interessanter zu machen. Ob mit dem Neuen Zollhof in Düsseldorf (1999, Foto) oder der Fondation Louis Vuitton in Paris (2014). Zuletzt eröffnete in Berlin der Pierre Boulez Saal, den Gehry für den Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim erdacht hat – ein Schmuckstück für Augen und Ohren. Preise hat Gehry viele eingeheimst, aber 2005 wurde ihm eine besondere Ehre zuteil: Er baute in der Serie „The Simpsons“ ein Konzerthaus – auf der Basis eines zerknüllten Briefs.

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»Ich bin noch nicht fertig. Ich glaube nicht, dass ich Ruhe finden könnte, wenn ich nicht schreibe.«

Die Geduldige

Die englische Schriftstellerin Jane Gardam hat mit 40 Jahren angefangen zu schreiben – und denkt auch mit 89 nicht übers Aufhören nach.

 

Manchmal muss man auf den richtigen Zeitpunkt warten, um sich seinen Traum zu erfüllen. So wie Jane Gardam, die ihr Leben lang Schriftstellerin werden wollte. Aber erst mit 40, als das letzte ihrer drei Kinder in die Schule kam, hat sie ernsthaft mit dem Schreiben begonnen. Seitdem sind mehr als 30 Bücher von ihr erschienen, und im Königreich nennt man die 89-Jährige inzwischen in einem Atemzug mit den ganz Großen der britischen Literatur, mit Charles Dickens und Rudyard Kipling. Ihr jüngster Roman, „Letzte Freunde“ von 2013, bildet den Abschluss einer Trilogie, die nichts weniger schafft, als den Untergang des britischen Empire in Weltliteratur zu verwandeln. Ganz Großbritannien bettelt seitdem um eine Fortsetzung – Gardam aber schreibt lieber Kurzgeschichten. Bis der richtige Zeitpunkt kommt …

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»In meiner Branche gehst du nicht in den Ruhestand. Golf spielen und fernsehen? Nein danke!«

Der Vielseitige

Christopher Plummer ist der „König der Nebendarsteller“ – und der älteste Schauspieler, der je einen Oscar gewann.

 

Er hat sie alle gespielt, Shakespeares Helden und Schurken von Lear bis Jago, Spione und Liebhaber, Killer und Soldaten, Wüstenfuchs Rommel und zuletzt sogar Kaiser Wilhelm II. Meist hatte Christopher Plummer kleine Rollen in großen Filmen, manchmal war es umgekehrt. Doch erst 2012, als er 82 Jahre alt war, gewann der Kanadier seinen ersten Oscar für die Darstellung eines homosexuellen Krebskranken in dem Drama „Beginners“. „Du bist nur zwei Jahre älter als ich, wo warst du mein Leben lang?“, fragte er, als er die Trophäe endlich in Händen hielt. Vielleicht ist es dieser Sinn für feine Ironie, der Plummer, der auch mit 87 noch unermüdlich dreht, so jungenhaft wirken lässt. Als der berühmte US-Talkmaster Conan O’Brien ihn vor zwei Jahren fragte, wie er es schaffe, mit 85 immer noch so gut auszusehen, antwortete Plummer trocken: „Viel Alkohol.“

»Die Kinder spürten ein Verlangen danach zu lernen. Also entschloss ich mich, diesem Ziel mein Leben zu widmen.«

Die Mutter

Die 92-jährige Olga Murray hat ihr Leben nach einer Karriere als Anwältin den Kindern von Nepal gewidmet.

 

Man nennt sie die „Mutter Teresa von Nepal“, der Dalai-Lama zeichnete sie mit dem „Unsung Heroes of Compassion Award“ aus. Doch Olga Murray fühlt sich nicht als Heldin oder Heilige. Sondern als ein Mensch, der tut, was nötig ist, um anderen Menschen zu helfen. In ihrem Fall sind es die Kinder von Nepal, denen sie ihre Zeit und ihre Kraft widmet. Als Murray 1984 zum ersten Mal in Nepal reiste, war es Liebe auf den ersten Blick. Aber auch Entsetzen darüber, welche Armut dort herrschte. Sechs Jahre später gründete die ehemalige Anwältin aus San Francisco die Hilfsorganisation Nepal Youth Foundation (NYF). Murray war 65 Jahre alt, als sie ihr neues Leben begann. Seit damals lebt sie mehr als die Hälfte des Jahres in Nepal, und wenn sie zu Hause in den USA ist, sammelt sie unermüdlich Spenden. Mit großem Erfolg: 45.000 Kinder, so Murray, hätten dank der NYF die Chance auf Ausbildung, medizinische Versorgung und bessere Ernährung erhalten. Sie nennen Murray einfach „Olga Mom“.

Presse

»Fragen Sie nie einen Friseur, ob Sie einen Haarschnitt brauchen.«

Das Orakel

Wer hat, der gibt auch ab. Das ist die Philosophie des 86-jährigen US-Multimilliardärs Warren Buffett.

 

Der Finanzinvestor aus Omaha, Nebraska, gehört zu den reichsten Menschen der Welt – und zu denjenigen, die am meisten von ihrem Vermögen spenden. Unter anderem für The Giving Pledge, eine Initiative, die Buffett mit Bill Gates gegründet hat, um andere Milliardäre dazu zu überreden, einen Großteil ihres Reichtums zu spenden. Buffett, dessen Vermögen von „Forbes“ zuletzt auf 75,6 Milliarden € geschätzt wurde, hat viel zu viel Respekt vor dem Geld, als dass er es verschleudern würde. Er lebt immer noch in dem Haus, das er 1958 für 31.500 US$ gekauft hat, und macht auch sonst nicht durch Luxuseskapaden auf sich aufmerksam. Die einfachen Dinge bereiten ihm Freude – auch bei seinen Investments. Zu seinen Erfolgsregeln gehört, dass er nur auf Unternehmen setzt, die er versteht. Oder in seinen Worten: „Stecke dein Geld nur in Unternehmen, die auch ein Dummkopf führen könnte, denn früher oder später wird es dazu kommen.“

Ullstein