Henning Scherf
war 1995 bis 2005
Bürgermeister von
Bremen und ist
Schirmherr der Hilfs-
organisation HelpAge
Deutschland.

»Ich schätze den Zorn der Alten«

Nehmen die Alten den Jungen die Zukunft weg? Werden Wahlen von denen entschieden, deren Zeit bald vorbei ist? Henning Scherf, jung gebliebener Streiter für die Rechte der Senioren, hält dagegen.

Herr Scherf, Sie werden bald 79 und sind als Autor und Redner im Dauereinsatz. Ruhestand geht anders. Bei diesem Thema werde ich hochärgerlich. Der Staat entscheidet politisch, wann wir in Rente zu gehen haben. Er will entscheiden, was einem guttut oder nicht. Das ist furchtbar, so was geht immer schief. Auch wenn mich meine Gewerkschaftsfreunde und Genossen dafür kritisieren: Ich plädiere dafür, die Entscheidung dem Einzelnen zu überlassen. Wer Lust hat, länger zu arbeiten, der soll das bitte tun. Ich kenne 90-Jährige, die als Architekten oder Anwälte noch ins Büro gehen. Das sind keine kranken Workaholics, im Gegenteil: Ihr Beruf hält sie mitten im Leben.

Für freie Berufe wie Architekten oder Anwälte mag das stimmen. Aber funktioniert solch eine Flexibilität auch für die Masse der Arbeitnehmer?

Man kann die Übergänge aus dem Berufsleben sehr intelligent gestalten. Es gibt durchaus erfolgreiche Beispiele aus großen deutschen Unternehmen, die mit den Betriebsräten gemeinsam entwickelt und umgesetzt wurden. Die Gewerkschaftssekretäre müssen von ihren Betriebsräten lernen, dass es bei vielen Arbeitnehmern einen Bewusstseinswandel und eine echte Nachfrage nach längerer Beschäftigung gibt.

Haben Sie ein Beispiel?

Bei der Telekom wurden Dreiergruppen gebildet. Ein junger Anfänger, ein Beschäftigter mit voller Familienlast und ein Beschäftigter, der faktisch schon in Rente gehen konnte, haben sich zwei Vollzeitstellen geteilt. Wenn der Familienvater wegen kranker Kinder nicht kommen konnte, übernahm der Senior den Job. Solche Modelle faszinieren mich, bei denen durch Nähe, Verständigung und gute Organisation tolle Lösungen rauskommen.

Früher wurden ältere Mitarbeiter in den Vorruhestand geschickt, um ihre Arbeitsplätze für die kommende Generation frei zu machen.

Das waren die 1980er- und 90er-Jahre. Das ist lange vorbei. Künftig werden die Jungen in Deutschland kein Problem mehr damit haben, einen Job zu finden. Im Gegenteil: Die Zahl der Fachkräfte wird lange nicht ausreichen, alle Jobs zu besetzen. Da werden die Jungen froh sein, wenn die Alten länger bleiben. Und wenn es gut geht, erleben sie die Älteren als Pfadfinder und Experten für ihre eigenen kommenden Führungsaufgaben.

Das klingt schön, aber allein mit Werben und Freiwilligkeit werden Sie das Demografieproblem nicht lösen. Brauchen wir also doch staatlichen Zwang?

Wir müssen mehrere Wege beschreiten. Erstens – und da sind wir nur halbwegs erfolgreich: Frauen müssen voll in die Arbeitsstrukturen integriert werden. Und zwar in solche Strukturen, dass sie Kinder kriegen können, ohne um ihre Stelle und Weiterentwicklung fürchten zu müssen. Das Zweite ist, dass wir eine kräftige Zuwanderung haben. Früher gab es das Vorurteil, da kämen nur ostanatolische Analphabeten. Heute lernen wir, dass jede Menge intelligente Leute kommen, das ist eine Riesenchance. Deutschland ist ein Sehnsuchtsland geworden, und diese Leute nehmen oft abenteuerlichste Anstrengungen auf sich, um zu uns zu gelangen. Diese Menschen muss man schnellstmöglich in Arbeit bringen. Und der dritte Punkt ist eben die Einbindung der Älteren.

Auch privat steht Henning Scherf für ein anderes Leben im Alter: Mit seiner Frau Luise und anderen Senioren lebt er in einer Wohngemeinschaft.

Wer steht bei der Integration von Migranten in der Pflicht?

Das darf man nicht der Arbeitsverwaltung überlassen. Das sind zwar brave Leute, aber vor allem die Unternehmen selbst müssen überlegen, wie sie diese vielen jungen Leute für sich einbinden können. Der Weltmarkt an Arbeitskräften ist schief. Wenn wir es schaffen, ihn behutsam auszubalancieren, wäre das ein großer Gewinn.

Sie sehen die Unternehmen in der Pflicht?

O ja, die sind jetzt gefordert. Wenn sie in Deutschland nicht genug Leute finden, müssen sie ihre Mitarbeiter eben von woanders holen: In Süd- und Osteuropa gibt es doch mehr als genug.

Die deutsche Industrie sollte gezielt in anderen EU-Ländern Fachkräfte abwerben?

Ich kenne einen Bremer Tiefbauunternehmer, der hat ganz gezielt Facharbeiter in Spanien gesucht und sie nach Deutschland geholt. Die haben sich sehr schnell integriert. Einer von denen will jetzt sogar bei uns studieren.

Damit allein werden wir die Rente aber kaum retten. Die Zahl der Rentner pro Beschäftigten wächst und wächst.

Ihre Darstellung ist polemisch! Die Rentenversicherung lebt doch gar nicht nur von den Beiträgen der Berufstätigen. Da fließen immer mehr Zuschüsse aus dem Fiskus ein. Ob das System künftig noch funktioniert, hängt daher entscheidend von den künftigen Erträgen und dem Produktivitätszuwachs der Wirtschaft ab. Wenn es annähernd so gut weiterläuft wie in den vergangenen Jahren, bauen die Sozialversicherungen Milliarden an Reserven auf.

Also alles Panikmache?

Manche tun so, als würden wir auf den Abgrund zurasen. Das sehe ich so nicht. Die meisten Alten sind ohnehin besonnene Leute, die, wenn nötig, auch mit Rentenkürzungen umgehen könnten. Das war in den Neunzigerjahren schon so, da sind die Renten real gesunken. Die Rentnerpartei hat damals versucht, daraus einen Aufstand zu organisieren – und ist gescheitert. Die Rentner wissen doch selbst: Wir können nur das verteilen, was wir haben. Aber diese Verteilung muss gerecht sein.

Warum sollten die Renter Kürzungen akzeptieren?

Viele Rentner sind Eltern und Großeltern. Sie treibt die Sorge um, dass es den Kindern und Enkelkindern gut geht. Diese Sorge umeinander ist ein großer Wert an sich, das ist der Humusboden unserer Zivilgesellschaft.

Matthias Ruch (links) und Jörg Wagner im Gespräch mit Henning Scherf.

»Die meisten Alten sind besonnene Leute, die, wenn nötig, auch mit Rentenkürzungen umgehen könnten.«

Der frühere FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher warnte seinerzeit vor einem „Krieg der Generationen“.

Ich halte nichts davon, die Generationen gegeneinander aufzuhetzen. Das hat doch mit unserer gesellschaftlichen Realität gar nichts zu tun. Ich sehe heute auch niemanden, der davon ausgeht, dass die Generationen gegeneinander in den Krieg ziehen.

Ältere Menschen haben Lebenserfahrung, manche gelten gar als weise. Zugleich schenken die Wähler in vielen Ländern der Welt ihr Vertrauen eher jungen, relativ unerfahrenen Kandidaten: 2008 Barack Obama in den USA, 2015 Justin Trudeau in Kanada, in Frankreich gerade erst Emmanuel Macron, Christian Lindner von der FDP ist auch noch unter 40. Was sagt Ihnen das?

Von Trudeau und Macron bin ich begeistert, das sind echte Hoffnungsträger. Sie stehen für Zukunft und Optimismus, und sie wurden ja keinesfalls nur von den jungen Wählern gewählt. Und beide Staatschefs sind klug genug, Erfahrung und Kompetenz in ihr Kabinett zu holen.

Ältere Wähler begeistern sich für junge Politiker?

Andersherum funktioniert das auch. Kennen Sie den prominentesten Menschen der Welt?

Wen meinen Sie?

Papst Franziskus. Der ist über 80 Jahre alt und setzt Hoffnung in die ganze Welt. Ich bin Protestant, aber ich bin begeistert von ihm. Eine ähnliche Wirkung hatte vor einigen Jahren Nelson Mandela.

Herr Scherf, Ihr persönliches Engagement ist beachtlich. Es gibt aber auch Rentner, die nach 30 oder 40 Berufsjahren einfach ihre Rente genießen wollen, statt immer weiter zu arbeiten. Sie wollen zur Ruhe kommen, reisen, vielleicht eine Kreuzfahrt machen …

Schrecklich! Ich war einmal zum Vorlesen auf einem dieser Musikdampfer. So etwas möchte ich nie wieder erleben.

So einfach können sich das die politischen Parteien nicht machen. Diese Menschen sind eine maßgebliche Wählergruppe. Gegen die Interessen der Alten wird künftig niemand mehr eine Wahl gewinnen.

In Deutschland gehören dieser Gruppe heute mehr als 20 Millionen Menschen an, in zehn Jahren werden es 30 Millionen sein. Aber diese Menschen dürfen Sie doch nicht alle gleichsetzen, das ist eine ganz bunte Gesellschaft. Man muss ihnen politische Angebote machen, die umfassend sind. Ein simples Kaufen nach dem Motto „Gib mir deine Stimme, und ich gebe dir mehr Rente“ wollen die meisten Älteren definitiv nicht.

Viele Menschen werden im Alter konservativ. Sie wollen das Gute bewahren, scheuen Veränderungen, wollen eher keine Reformen.

So einfach ist das nicht. Ich bin selbst als junger Mann in die Politik gegangen und als „sozialdemokratischer Menschenfänger“ vor allem von den Alten gewählt worden. Als Kind dachte ich, die Alten seien die ewigen Reaktionäre, die bei den Nazis mitmarschiert waren und anschließend taten, als wären sie Widerständler gewesen. Heute schätze ich den Zorn der Alten, die sich einmischen wollen und sich deshalb engagieren und auch wählen gehen. Ihr Engagement liefert große Chancen für die Zivilgesellschaft. Und was die Reformen angeht: Deutschland ist ein sehr stabiles und erfolgreiches Land. Manchmal dauern Veränderungen bei uns ein bisschen länger, aber das hat mit dem Erfolg zu tun, der nimmt Dynamik raus.

Sind die politischen Themen der Generationen heute nicht sehr unterschiedlich?

Da bin ich nicht so sicher. Ich kenne viele ältere Menschen, die sich heute mehr Sorgen um die Zukunft machen als jüngere. Beispiel Aufrüstung: Die ältere Generation, die den Krieg oder die Nachkriegszeit erlebt hat, nimmt diese Gefahr heute noch sehr ernst. Zugleich nehme ich wahr, dass viele ältere Menschen sehr europäisch denken. Das ist hochaktuell, denn die wichtigsten Zukunftsthemen unserer Zeit sind keine nationalen Themen mehr.

Wenn es um die Interessen der nächsten Generation geht, denkt die SPD auch für Bundestagswahlen über ein Wahlrecht ab 16 nach. Wie stehen Sie dazu?

Ich bin skeptisch. Die Erfahrung mit Wählern ab 16 zeigt, dass die meisten so wählen wie ihre Eltern – wobei die Wahlbeteiligung in dieser Altersgruppe miserabel ist. Wenn jemand strafmündig wird oder in früheren Jahren zur Bundeswehr einberufen wurde, dann sollte er auch wählen dürfen. Vorher muss das aus meiner Sicht nicht sein.

Um die Interessen der übernächsten Generation zu wahren, haben Wissenschaftler ein Modell entwickelt, das Eltern mit minderjährigen Kindern pro Kind eine weitere Stimme gibt. Damit würde die Übermacht der Alten bei den kommenden Wahlen kompensiert. Realistischer Vorschlag oder eher akademischer Blödsinn?

Akademischer Blödsinn.