„Man muss nicht erwachsen sein, um etwas zu verändern“

Ein kleines Kind mit einer großen Vision: Im Alter von sechs Jahren beginnt der Kanadier Ryan Hreljac sein Engagement gegen die globale Wasserkrise. Heute, zwanzig Jahre später, ist aus seinem Enthusiasmus eine weltweit agierende Organisation gewachsen: die Ryan’s Well Foundation.

Herr Hreljac, woher rührt Ihr Wunsch, die Wasserkrise zu lösen?

Es begann mit einem Schulprojekt in der ersten Klasse. Unsere Lehrerin sagte: Viele Menschen sterben, weil sie keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Für mich als Sechsjährigen unvorstellbar, schließlich musste ich zu Hause nur den Hahn aufdrehen. Dann fügte sie hinzu, dass vor allem Mädchen nicht zur Schule gehen könnten, weil sie weite Strecken zurücklegen, um schwere Kanister voll mit Wasser in ihre Dörfer zu tragen. Ein Brunnen koste rund 70 $. Also ging ich zu meinen Eltern und bat sie um das Geld.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Zunächst sagten sie, ich solle mir über so ernste Themen keine Gedanken machen, denn ich sei noch viel zu jung dafür. Aber ich ließ nicht locker. Schließlich ließen sie mich die 70 $ mit Haus- und Gartenarbeit verdienen, was ganze zwei Monate dauerte.

Was haben Sie mit dem Geld gemacht?

Meine Mutter nahm mich mit zu einer Organisation, die Brunnen in Afrika baut. Nur reichten meine 70 $ leider nicht aus. Es hieß, ein Brunnen koste mehrere Tausend Dollar. Also hielt ich in der Schule einen Vortrag vor meinen Mitschülern, um Geld zu sammeln. Ich stotterte und stammelte, weil ich so nervös war. Ein Jahr und viele Vorträge später hatte ich endlich das nötige Geld zusammen, und es konnte ein Brunnen in einer Schule in Uganda gebohrt werden.

Wie ging es weiter?

Als die Gemeinde in Uganda erfuhr, dass ein Kind das Geld gesammelt hatte, wollten sie mich kennenlernen. Meine Nachbarn schenkten meinen Eltern und mir ihre gesammelten Flugmeilen, und wir reisten nach Uganda. Die Leute dort waren so dankbar, dass sie in der Schule sogar einen „Ryan’s Day“ einführten. Das war befremdlich, motivierte mich aber weiterzumachen. Ich war einfach nur ein durchschnittlicher Junge, der viel zu viele Videospiele spielte und etwas bewirken wollte. Das kann jeder. Es reicht, etwas zu finden, das dir wichtig ist, und deinen Enthusiasmus mit möglichst vielen Menschen zu teilen. Das ist auch der Grund, warum es heute die Ryan’s Well Foundation gibt. Weil viele Freiwillige mithelfen und wir Unterstützung aus der ganzen Welt erhalten.

Bis heute hat die Ryan’s Well Foundation über 10 Millionen $ gesammelt und 1.166 Brunnen in 16 Ländern errichtet. Worin besteht die größte Herausforderung?

Darin, nachhaltig erfolgreich zu sein. Es reicht nicht, einen Brunnen zu bohren, die Menschen müssen wissen, wie man ihn instand hält und sinnvoll mit dem Wasser umgeht. Auch muss man aufklären über Krankheiten wie Cholera und Typhus, die durch verunreinigtes Wasser übertragen werden. Darum bieten wir Hygiene-Workshops und Bildungsprogramme an. Über eine Milliarde Menschen hat keinen Zugang zu Sanitäranlagen. 88 Prozent aller Krankheiten werden durch mangelhafte Hygiene verursacht. Wir haben deshalb über 1.000 Latrinen errichtet.

Was sind die nächsten Pläne der Ryan’s Well Foundation?

Im Moment sammeln wir Gelder für verschiedene Projekte, unter anderem in Kenia, Burkina Faso, Uganda, Haiti und Ghana. Noch in diesem Jahr werden wir im Distrikt Amansie in der Ashanti-Region von Ghana sieben Brunnen bohren, die sechs Dörfer und eine Klinik mit Wasser versorgen. Damit können wir das Leben von rund 4.500 Menschen verbessern.

Wenn Sie zurückblicken: Was haben Sie während Ihres fast lebenslangen Engagements gelernt?

Dass man nicht erwachsen sein muss, um etwas zu verändern. Auch ein Kind kann einen wichtigen Beitrag leisten. Meine kindliche Naivität und Sturheit haben mir dabei sogar sehr geholfen. Ich habe es einfach auf mich zukommen lassen und ausprobiert, wie weit ich komme.

Interview: Eva Bolhoefer


Die Website der Ryan’s Well Foundation: www.ryanswell.ca